Zeitfresser eliminieren

Kurmann Holzbau hat am Förderprogramm „UnternehmensWert Mensch plus“ teilgenommen. Jetzt laufen viele Prozesse flüssiger.

Unterschwellig beschäftigte Andreas Kurmann schon lange ein Thema: „Es gibt Abläufe im Betrieb, die man einfacher organisieren kann“, sagt der Geschäftsführer der Kurmann Holzbau GmbH aus Garrel. Die Firma wächst. Aber tun das auch die Strukturen und Prozesse? „Wir wollen uns modern aufstellen. Das gilt für das Miteinander, die Ausstattung, die Kommunikation mit den Kunden und natürlich für alle Aspekte der Arbeit, die wir abliefern“, betont der Chef von 18 Angestellten.

Den systematischen Hebel für seine Gedanken bekam Kurmann vor zwei Jahren an die Hand. Über das Förderprogramm „UnternehmensWert Mensch plus“ ließ sich der auf den Holzrahmenbau spezialisierte Betrieb von Phillip Bardowicks beraten. Bardowicks hat schon mehrfach Handwerker unterstützt. Er ist einer von bundesweit 1900 autorisierten Prozessberatern in dem Programm, das mit Bundesmitteln und europäischen Geldern (ESF-Fonds) finanziert wird.

Fünfköpfiges Kernteam

Nach einer Erstberatung und einem Experteninterview ertönte der eigentliche Startschuss. In einem Brainstorming mit allen Mitarbeitern wurden Themen auf den Tisch gebracht, die für verbesserungswürdig eingestuft wurden. Es folgten die Gründung von einem fünfköpfigen Kernteam und eine Auswertungssitzung. „Danach war klar, was wir konkret angehen wollen“, blickt Bauingenieur Kurmann zurück. „Das Mitnehmen der Mitarbeiter ist mir sehr wichtig. Mein Bruder Christian und ich wollen nicht von ‚oben herab‘ führen.“

Das Projekt nahm Fahrt auf. Über den Planungsstand bei Bauvorhaben oder die Holzbestellung sollten alle gleichzeitig informiert sein. Andreas Kurmann sagt: „Vieles von dem, was im Büro selbstverständlich ist, haben wir in die Halle gebracht.“ Dabei hilft ein Touch-Fernseher, der neben der Tür zum Pausenraum angebracht ist. „Ideal für eine schnelle Info“, so Kurmann. In der internen Kommunikation erspart eine Kamera, die über dem Tisch für Zeichnungen angebracht ist, weite Wege. Das Bild wird ins Büro gesendet und die Mitarbeiter können per Telefon über den nächsten Schritt sprechen. Schon wieder wurde ein Zeitfresser eliminiert.

Gewonnen hat auf jeden Fall auch das „C-Teile-Lager“. Schrauben und Co. unterliegen einem neuen Bestellsystem. Und noch ein Beispiel findet Kurmann gelungen: „Für die Müllabholung muss niemand im Büro Zeit investieren. Der Dienstleister für die Abfuhr des Containers erhält seinen Auftrag per Tablet aus der Halle. Dieser Vorgang ist somit auch schriftlich sehr gut nachvollziehbar.“

Der Chef selbst nutzt sein Tablet nun häufiger bei Verkaufsgesprächen, Stichwort: „Papierloses Angebot“. „Ich gebe die Informationen aus dem Kundengespräch in eine Bedarfsanalyse im Tablet ein, welche dann gleich im Netzwerk gespeichert meinem Bruder für die Kalkulation zur Verfügung stehen. Er erstellt dann das Angebot, welches elektronisch dem Kunden übermittelt wird. Das erste Stück echtes Papier ist dann erst der Bauvertrag“, erklärt Andreas Kurmann.

Kosten zu 80 Prozent erstattet

Monika Kretschmer, die für die Demografieagentur die Programmzweige „UnternehmensWert Mensch“ und „UnternehmensWert Mensch plus“ verantwortet, zeigte sich bei einem Besuch im Betrieb beeindruckt. „Hier gehen Digitalisierung und neue Methoden des Zusammenarbeitens Hand in Hand. Dafür werden in der Plus-Variante zwölf Beratungstage mit 80 Prozent Kostenerstattung gefördert.“

Das Team von Andreas Kurmann macht inzwischen nahtlos dort weiter, wo die geförderte Beratung aufgehört hat. „Wir sind froh, dass wir diese Entwicklungen genommen haben. Auch jetzt versammeln wir alle sechs Wochen die Mitarbeiter, um Prozesse zu optimieren. Jeder Hinweis wird ernst genommen. Auch, dass man einfach mal wieder eine Bratwurst zusammen essen sollte“, sagt der Chef zufrieden.

Programm: www.unternehmens-wert-mensch.de

 

Andreas Kurmann hat Prozesse verändert.
© Torsten Heidemann / Handwerkskammer

Phillip Bardowicks (li.) hat Andreas Kurmann als Prozessberater unterstützt. Monika Kretschmer leitet die Erstberatungsstelle "UnternehmensWert Mensch" in Oldenburg.
© Torsten Heidemann

Fleischerei ist fit für die Zukunft

Das Kundenverhalten verändert sich. Bei Ripken in Augustfehn ist das Team darauf eingestellt.

Wie machen wir unsere Fleischerei fit für die Zukunft?“ Diese Frage hat Katrin und Frank Ripken aus Augustfehn vor einigen Jahren immer intensiver beschäftigt. „Wir haben über eine Zeitspanne von rund 15 Jahren nachgedacht. Mit unserem Team haben wir überlegt, wo wir dann stehen könnten. Wir wollten eine Agenda 2030 haben“, schildert die Chefin den Beginn eines Prozesses, der inzwischen viele Veränderungen hervorgebracht und die Firma in der Corona-Krise gestärkt hat. 

Im Kern dreht sich alles um die Themenfelder „Personalpolitik“ und „Digitalisierung“. Wer heute bei Fleischerei Ripken einkaufen möchte, kann dies auch in einem Online-Shop oder per Bestellfunktion über einen Messenger-Dienst. Seit 2012 gibt es bereits den „Ripkomat“ – ein Kühlschrank-Automat, der täglich mit Fleisch, Aufschnitten und Salaten befüllt wird. „Die Menschen werden immer spontaner. Darauf sind wir jetzt noch besser eingestellt“, erklärt Frank Ripken, der im Hochbetrieb bis zu 20 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigt. Für sie, so lautete das Ziel, müsse ein gesundes, stressfreies Arbeitsumfeld entstehen, damit sie auf lange Sicht im Betrieb bleiben.

Für die Kunden sind die Bezahlmöglichkeiten um Kreditkarte, Apple- oder Googlepay erweitert worden.  „Wir haben unser Kassensystem, die Warenwirtschaft und die Kalkulation digitalisiert. Aufträge vom Telefon gehen direkt im Laden auf das Tablet“, nennt Katrin Ripken weitere Maßnahmen. Parallel hat Fleischerei Ripken die Außendarstellung modernisiert: Neues Logo, neue Internetseite, regelmäßige Postings auf Facebook und Instagram.

Konzeptionell fußt der Veränderungsprozess auf externer Beratung. Über das bundesweite Förderprogramm „unternehmensWert: Mensch“, das bei der Demografieagentur für die Wirtschaft GmbH eine Erstberatungsstelle in Oldenburg hat, kam der Kontakt zu Maren Ulbrich zustande. Die Unternehmensberaterin hat zuerst viele persönliche Gespräche geführt. „Angefangen mit meinem Mann und mir bis hin zu jedem einzelnen Mitarbeiter. Daraus haben sich viele Themen und Projekte ergeben, mit denen wir sofort begonnen haben. Es gab tolle Workshops mit dem gesamten Team“, beschreibt Katrin Ripken die Herangehensweise.

„Die Mitarbeiter haben wir, je nach individueller Motivation und Fähigkeiten mit einbezogen. So konnten wir gemeinsam digitale Lösungen finden – für die interne Kommunikation, die Produktion und den Verkauf“, sagt die Chefin. Morgendliche Team-Besprechungen sowie mehrere Meetings in der Woche hätten gezeigt, dass das Thema Kommunikation in einem Handwerksbetrieb sehr wichtig sei.

Die Eheleute Ripken sind Maren Ulbrich sehr dankbar. „Ohne sie wäre unsere Entwicklung unmöglich gewesen. Wir haben erkannt, dass ein Unternehmen ohne Digitalisierung keine Zukunft hat.“ Die Bestellmöglichkeit über einen Messenger war beispielsweise vor Corona auf der Homepage integriert. Katrin Ripken ist erleichtert: „Im Lockdown hat uns das digitale Angebot den Umsatz gerettet.“

Nicht nur für Corona fühlt sich der Betrieb fit, sondern insgesamt für die Zukunft. „Wir wollen die Fleischerei ja auch irgendwann mit einem guten Gefühl übergeben“, denken Frank und Katrin Ripken auch hier weit voraus.      

Homepage: www.fleischerei-ripken.de

Der "Ripkomat" hält rund um die Uhr frische Produkte parat. Katrin und Frank Ripken haben mit ihren Maßnahmen die Sicherheit der Arbeitsplätze gestärkt.
© Ripken

Mitarbeiter sind wertvollstes Gut

Das Apener Unternehmen AMF-Bruns stellt sich aktiv den Herausforderungen des demografischen Wandels und wurde dafür mit einem Zertifikat ausgezeichnet.

Die Liste der Maßnahmen für die Zufriedenheit der Mitarbeiter von AMF-Bruns ist lang. Sie reicht von Ernährungsworkshops über Sprachunterricht und Anti-Stress-Seminaren bis hin zur günstigen Anschaffung von E-Bikes per Entgeltumwandlung und einer betrieblichen Altersvorsorge, die hier „Bruns-Rente“ genannt wird.

„Als wir angefangen haben, uns mit dem Thema zu beschäftigen, stand zu Beginn eine Mitarbeiterbroschüre mit vier Seiten. Daraus sind mittlerweile 47 Seiten und viele weitere Broschüren geworden“, erinnert sich Jan Woltermann, Geschäftsführer von AMF-Bruns. Die Kommunikation mit den Mitarbeitern steht dabei für ihn im Fokus: „Unzufriedenheit entsteht häufig durch fehlende Kommunikation und kann durch gezielte Informationen oder Gespräche gelöst werden.“ Deshalb wurden auch Broschüren für Mitarbeiter in verschiedenen Lebensphasen entwickelt. „Einen Auszubildenden beschäftigen andere Dinge als einen Mitarbeiter mit einer pflegebedürftigen Mutter und zwei Kindern. In den Broschüren geben wir Hilfestellung und Anregungen. Jeder Mitarbeiter soll wissen, dass wir für ihn da sind - in jeder Lebenslage.“

Arbeitsplätze in der Produktion werden angepasst

Hinzu kommen ganz praktische Änderungen zur Gesunderhaltung der Mitarbeiter. In der Produktion wurde zum Beispiel jeder Arbeitsplatz überprüft und wenn nötig wurden Kräne installiert, sodass schwere Werkteile nicht mehr nur von Hand gehoben werden müssen. „Dadurch haben sich Berufskrankheiten wie Knie- oder Rückenleiden stark reduziert“, freut sich Produktionsleiter Sebastian Seger.

© Handwerkskammer

Demografischen Wandel fest im Griff: (von links nach rechts) Produktionsleiter AMF-Bruns Sebastian Seger, AMF-Betriebsratsvorsitzender André Kreklau, Monika Kretschmer (Demografieagentur) und AMF-Geschäftsführer Jan Woltermann.

Dieses Engagement hat auch Monika Kretschmer von der Demografieagentur für die niedersächsische Wirtschaft überzeugt. „Das Unternehmen hat wirklich
Vorbildcharakter und lebt die Projekte, die es anstößt“, lobt Kretschmer. Sie leitet die Erstberatungsstelle in Oldenburg. Die Demografieagentur ist Projektträger für das bundesweite Förderprogramm „unternehmensWert: Mensch“. Zusammen mit dem niedersächsischen Wirtschaftsministerium verleiht sie das Zertifikat „Demografiefest. Sozialpartnerschaftlicher Betrieb“. AMF-Bruns ist eines der ersten zwölf Unternehmen, die ausgezeichnet wurden.

Schritte für die Zukunft planen

„Der nächste Schritt ist dann eine Rezertifizierung“, erklärt Kretschmer den weiteren Weg. Dafür wurden Ziele vereinbart, um die Demografiefestigkeit von AMF-Bruns weiter zu verbessern: „Beispielsweise in der Arbeitsplatzgestaltung im Verwaltungsbereich und im internen Wissensmanagement gibt es noch Optimierungsbedarf.“

Jan Woltermann freut sich auf die nächsten Schritte: „Die Arbeitsplatzgestaltung wollen wir gemeinsam mit den Mitarbeitern angehen. Dafür wurde ein Musterbüro aufgebaut, für das jeder seine Vorschläge einreichen kann. Das Zertifikat hat uns gezeigt, dass wir mit unseren Maßnahmen auf dem richtigen Weg sind, aber es immer noch Verbesserungsmöglichkeiten gibt. Daran arbeiten wir.“

Dipl.-Kauffrau Susann Ruppert
Geschäftsbereichsleiterin Wirtschaftsförderung

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