KI generiert: Zwei Männer arbeiten lächelnd an einer Maschine in einer Werkstatt.

Geschäftsführer Dirk Wintermann (li.) hat eine Neuausrichtung angestoßen, von der die Mitarbeiter profitieren. Sergej Erhardt (re.) beispielsweise ist seit 15 Jahren als Geselle im Unternehmen. Mittlerweile fungiert er als Sicherheitsbeauftragter für Arbeitsschutz.
© Hauke-Christian Dittrich

 „Leute entlassen oder den Betrieb neu ausrichten“

Change Management: Wie verändert man einen Handwerksbetrieb, wenn es um die Existenz geht? Dirk Wintermann hat es geschafft – mit Dringlichkeit und ohne Angst vor Fehlern.

Dirk Wintermann baut seit 1989 Holztreppen, als er in den Familienbetrieb einstieg. Er kennt die Schwankungen im Neubaugeschäft, auch Einbrüche von 20 oder 30 Prozent: hart, aber verkraftbar – solange sie vorübergehen. Doch was, wenn nicht?

Vor zwei Jahren brachen die Bauanträge für Einfamilien- und Doppelhäuser in seinem Einzugsgebiet um 80 Prozent ein. Für den Betrieb, der fast ausschließlich Treppen für solche Bauten fertigt und montiert, war das existenzbedrohend. „Das kann man nicht ignorieren“, sagt Wintermann, Tischlermeister und Betriebswirt des Handwerks. „Ich musste akzeptieren, dass sich etwas grundlegend ändern muss.“

Für Wintermann bedeutete das: „Ich musste Leute entlassen oder den Betrieb neu ausrichten.“ Kündigungen kamen für ihn nicht infrage. „Ich kenne meine Leute, viele seit der Ausbildung. Und es geht in solchen Situationen ja nicht nur um diese 40, die bei uns arbeiten, sondern auch um deren Partner und Familien."

Mitstreiter überzeugen durch Transparenz

Wintermann entschied sich für die Neuausrichtung. Doch wie geht man eine so tiefgreifende Veränderung an? Ein Buch gab den Anstoß: „Das Pinguin-Prinzip“ von John Kotter. Vordergründig eine Fabel über Pinguine auf einem schmelzenden Eisberg, ist es ein Lehrstück über Change-Management mit einer zentralen Botschaft: Willst du Wandel, gewinne zuerst die Meinungsführer. Nur wenn sie die Dringlichkeit erkennen, lassen sich Lösungen finden.

Also holte Wintermann die Leiter von Vertrieb, Produktion und Montage an einen Tisch und legte alle Zahlen offen: Baukonjunkturdaten, Umsätze, Geschäftsergebnisse. „Das hat alle von der Dringlichkeit überzeugt.“

Ziele setzen: andere Kunden, zusätzliche Leistungen

In mehreren Sitzungen entwickelte das Team eine Strategie: weg vom starken Fokus auf Neubauten, mehr hin zu Privatkunden in Altbauten. Sie machten bislang nur 20 Prozent des Umsatzes aus, brauchen Holztreppen – und haben oft Sonderwünsche, die der Betrieb erfüllen kann: maßgefertigte Schränke für Treppen, Nischen und Dachschrägen.

Das erforderte Investitionen in Software, Maschinen und Schulungen. Zudem haben Altbaukunden andere Ansprüche als Bauträger. „Man betritt ein bewohntes Haus. Terminkoordination, Beratung, Entsorgung der alten Treppe – das ist eine andere Welt“, sagt Wintermann. Deswegen formulierte das Führungsteam vier Leitsätze für den Wandel: Wir arbeiten flexibel und lösungsorientiert. Wir dürfen Fehler machen und daraus lernen. Wir begegnen allen mit Vertrauen und Respekt. Wir garantieren Qualität und Zuverlässigkeit.

Team überzeugen: Ängste nehmen

Um alle Mitarbeitenden einzubinden, lud das Führungsteam zu einem „Zukunftsfrühstück“ ein. Dort präsentierte Wintermann erneut die Zahlen und stellte die neue Ausrichtung vor. Seine Botschaft: Nicht der drohende Abbau stand im Vordergrund, sondern die Chancen durch Veränderungen. „Wenn wir das gemeinsam angehen, sichern wir nicht nur die Firma – wir machen sie besser.“

Doch er wusste: Veränderung weckt Ängste. „Schaffe ich das? Muss ich Neues lernen? Bin ich überfordert?“ Diese Sorgen schrumpfen, wenn die Menschen verstehen, worum es geht, sagt Wintermann. Gegen die Angst vor Fehlern setzte er auf Offenheit: „Es gibt keine Veränderung ohne Fehler. Wir haben gesagt: Bitte macht Fehler – und sprecht darüber. Jeder verschwiegene Fehler schadet der Firma.“

Die Reaktion überraschte ihn: „Am Ende konnte man die positive Energie im Raum förmlich spüren.“

Erfolge teilen

Seit dem Zukunftsfrühstück gibt es eine WhatsApp-Gruppe für das gesamte Team. Dort teilen die Mitarbeitenden Fotos fertiger Projekte. „Viele arbeiten daran mit, dass der Kunde eine wunderschöne Treppe bekommt – sehen das Ergebnis aber nie.“ In der Gruppe feiern alle zusammen jedes gelungene Projekt.

Hindernisse aus dem Weg räumen

Natürlich lief nicht alles reibungslos. Manche Mitarbeitende setzten die neuen Anforderungen schnell um, andere brauchten länger. Deshalb trifft sich das Führungsteam weiterhin zur „Pinguinrunde“, um Hindernisse zu beseitigen. Manchmal braucht es dafür Schulungen, manchmal genügt ein Gespräch. „Oft kommt die Einsicht von selbst“, sagt Wintermann. „Aber zu glauben, irgendwann läuft alles von allein – das ist Wunschdenken.“

Veränderung: ein Dauerzustand

Heute macht der Betrieb über 50 Prozent seines Umsatzes im Altbau. „Wir gehen gestärkt aus dieser Veränderung hervor“, sagt Wintermann. „Wenn der Neubau wieder anzieht, sind wir breiter aufgestellt als je zuvor.“ Doch Stillstand wird es nicht geben: Digitalisierung, Nachwuchsgewinnung, Social Media – die nächsten Herausforderungen stehen schon an. Und nicht zuletzt: Wintermann teilt seine Erfahrungen mittlerweile in Vorträgen. „Ich will auch Kollegen im Handwerk die Angst vor der Veränderung nehmen, nicht nur meinen eigenen Leuten“.