Sprachen über die aktuelle Lage im Handwerk (v. li.): Kammerpräsident Eckhard Stein, Friseurmeister Gerriet Schimmeroth und Heiko Henke, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Oldenburg.
© Torsten Heidemann / Handwerkskammer Oldenburg

Handwerk stemmt sich gegen Folgen der Pandemie

Geschäftsklima sinkt / Friseurmeister gibt Einblicke

erstellt am 11. November 2020

Oldenburg. Der Schatten als ständiger Begleiter: So hat Eckhard Stein, Präsident der Handwerkskammer Oldenburg, die Corona-Krise als wichtigsten Faktor der Geschäftslage im regionalen Handwerk umschrieben. „Die Beurteilung fällt in einzelnen Handwerksgruppen unterschiedlich aus. Das Bau- und Ausbauhandwerk befindet sich in fast unverändert guter Position. Branchen, die wie das Kfz-, Nahrungsmittel- und das Dienstleistungshandwerk mehr konsumorientiert sind, beurteilen ihre Lage deutlich schlechter als vor einem Jahr“, sagte Stein.

Die Umfrage der Handwerkskammer unter 490 Betrieben zeigt: Der Geschäftsklimaindex ist von 132 (Vorjahr) auf 124 gesunken. „Wir stemmen uns gegen die Pandemie und wollen nicht, dass Corona uns ins Handwerk pfuscht“, so Stein. Einerseits habe die Situation den Bäckern und Fleischern eine Renaissance beschert. Dennoch entfallen weiterhin erhebliche Einnahmen bei Catering und Belieferung. Goldschmiede, Uhrmacher, Friseure melden mit minus 22 Indexpunkten die stärksten Einbußen.

„Die Abstandsregeln verringern das Kundenaufkommen. Außerdem finden Feierlichkeiten, zu denen aufwändige Frisuren gewünscht sind, nicht statt“, berichtete Gerriet Schimmeroth. Der Inhaber von Friseur Schimmeroth handelt nach dem Motto „Die Lage ernst nehmen und das Beste daraus machen“. In seinem Salon in der Oldenburger Innenstadt sind inklusive der Auszubildenden zwölf Mitarbeiterinnen beschäftigt. Sie handeln nach den konsequenten Vorgaben des Arbeitsschutzstandards. „Den Umsatzverlust von sechs Wochen Schließung kann man als Dienstleister nicht aufholen. Dennoch kommen wir mit erhöhtem Organisationsaufwand ganz gut durch diese Zeit. Zudem haben wir die Corona-Hilfe des Landes schnell bekommen.“

Vor den November-Maßnahmen habe es in seiner Branche die Angst gegeben, wieder von Schließungen betroffen zu sein, so Schimmeroth. Der Obermeister der Friseur-Innung Oldenburg und Kollegen stellen fest, dass Kunden „eine längere Taktung“ zwischen zwei Besuchen vornehmen. „Wir bieten die größtmögliche Sicherheit an und stellen so gut es geht den Wohlfühlfaktor her.“ Ein Schaubild des Landesinnungsverbandes unterstreicht das Thema „Sicherheit“: Zwischen Mai und Oktober wurden der Berufsgenossenschaft lediglich zwei Corona-Fälle gemeldet – und zwar bundesweit.

Heiko Henke, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer, äußerte sich zur temporären Absenkung der Mehrwertsteuer. „Sie scheint bislang keine besonders positive Wirkung zu erzielen. Für viele Betriebe war es ein enormer Aufwand, die Kassen und Abrechnungssysteme umzustellen. Im Geschäftskundenbereich entfällt die Wirkung. Wer mit Endkunden zu tun hat, profitiert davon. Da denke ich zuerst an das Bau- und Ausbauhandwerk, in dem der Auftragsbestand aber sowieso hoch ist.“

Große Sorge bereitet ihm die Ausbildungssituation in der Corona-Zeit. Unbedingt müsse ein weiterer Rückgang in der dualen Ausbildung verhindert werden. Das Handwerk braucht dringend Auszubildende. Daher ist es sehr wichtig, dass die Berufsschulen und die überbetrieblichen Ausbildungsstellen geöffnet bleiben. Eine große Hilfe ist das Corona-Paket, dass die Landesregierung geschnürt hat, in dem unter anderem die Betriebe weiter von Kosten der überbetrieblichen Lehrgänge entlastet werden.

Wie vor einem Jahr seien die handwerklichen Zulieferer mit ihrer Lage nicht zufrieden, ergänzte Klaus Hurling. Der betriebswirtschaftliche Berater bei der Handwerkskammer hatte die Umfrage durchgeführt. „Für diese export- und technikorientierte Gruppe treten zu den negativen Effekten von Handelskonflikten und Brexit noch die weltwirtschaftlichen Auswirkungen der Corona-Pandemie hinzu.“ Die Beschäftigungssituation bezeichnete er als „relativ stabil für die vorherrschenden Rahmenbedingungen“.