Das Ziel lautet „Gesellenprüfung“: Rayan Bybo (2.v.r.) bekommt im Betrieb das meiste von Sebastian Timpe erklärt. Die Handwerkskammer (Hussein Kerri links und Wolfgang Jöhnk rechts) fördert die Integration von Geflüchteten.
© Handwerkskammer Oldenburg

Glücksfall für beide Seiten

Geflüchtete und Handwerksbetriebe finden zueinander

erstellt am 31. August 2018

Oldenburg/Wardenburg. Rayan Bybo hat am 1. August seine Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker begonnen. „Es macht Spaß mit den Kollegen. Und ich wollte unbedingt etwas mit Autos machen“, sagt der 18-Jährige, der vor drei Jahren aus dem Irak nach Deutschland kam. Nach zwei Jahren an der IGS Am Everkamp in Wardenburg stand für ihn fest: „Ich möchte in Deutschland arbeiten und hier bleiben.“ Über eine Schulveranstaltung wurde er auf das Handwerk aufmerksam und fragte im Autohaus Heinemann nach den Möglichkeiten.

„Eigentlich wollten wir in diesem Jahr nur einen Ausbildungsplatz besetzen. Aber nachdem Rayan bei uns drei Nachmittage zur Probe gearbeitet hat, haben wir ihn als zweiten Auszubildenden aufgenommen“, lässt Geschäftsführer Torsten Schultheiss durchblicken, welch guten Eindruck der 18-Jährige hinterlassen hat. Sebastian Timpe hat dies als Geselle in der Werkstatt hautnah erlebt: „Er hat sofort das umgesetzt, was wir ihm gezeigt haben und hat von sich aus schon nächste Arbeitsschritte erledigt.“

Kfz-Technikermeister Jens Speckmann betreut Rayan Bybo als Ausbilder. „Für mich ist es Neuland, die Verwaltungsaufgaben rund um das Ausbildungsverhältnis eines Geflüchteten zu organisieren. Ich stehe mit mehreren Institutionen in Kontakt. Derzeit liegt mein Hauptaugenmerk auf die ausbildungsbegleitenden Hilfen, die von der Agentur für Arbeit angeboten werden.“ Dem geflüchteten jungen Mann hat er angeboten, auch nach dem eigentlichen Feierabend Fachbegriffe zu erklären und beim Führen des Berichtheftes zu helfen. „Es klappt, weil Rayan einfach ehrgeizig ist.“ Dies gilt auch für die Berufsschule: „Wenn ich etwas nicht verstehe, frage ich nach“, lautet die Devise des 18-Jährigen, der einen anerkannten Flüchtlingsstatus mit Beschäftigungserlaubnis hat.

Rayan Bybo ist einer von 180 jungen Menschen mit Fluchthintergrund, die in diesen Wochen eine handwerkliche Ausbildung zwischen Wilhelmshaven und dem Oldenburger Münsterland begonnen haben. Bei der Handwerkskammer Oldenburg leitet Wolfgang Jöhnk den Geschäftsbereich Berufsbildung. „Das Handwerk kann den nach Deutschland geflüchteten Menschen Perspektiven eröffnen. Eine Ausbildung ist das Fundament für beruflichen Aufstieg bis hin zum Unternehmertum“, sagt Jöhnk. Für die Anfänge sei allerdings ein großer Einsatz der Institutionen und der Ehrenamtlichen nötig.

„Wenn alles passt, haben wir eine Win-Win-Situationn - ein Glücksfall für beide Seiten“ so Jöhnk. Er berichtet, dass die 180 Geflüchteten am häufigsten die Ausbildungen zum Kfz-Mechatroniker (32), Elektroniker (30), Friseur (26) und Anlagenmechaniker SHK (23) gewählt haben. Die Herkunftsstaaten sind überwiegend Afghanistan (71), Syrien (57) und Irak (39).

Bei der Kammer ist für das Erreichen der Ziele vor knapp drei Jahren das Integrationsprojekt Handwerkliche Ausbildung für Flüchtlinge und Asylbewerber, kurz „IHAFA“, angesiedelt worden. „Geflüchtete und Betriebe haben bislang überwiegend positive Erfahrungen gemacht – was nicht heißt, dass eine solche Ausbildung einfach oder gar ein Selbstläufer ist“, berichtet Hussein Kerri. Der Integrationsberater betreut mit seinem Kollegen Rüdiger Manke 35 der 180 neuen Azubis. Hinzu kommen die älteren Kontakte und stetig neue. Die Handwerksbetriebe können sich zudem an den Willkommenslotsen Marco Janssen wenden.

Hussein Kerri war dann auch derjenige, der auf der Schulveranstaltung der IGS Wardenburg über die duale Ausbildung im Handwerk gesprochen hat. „Danach kam Rayan zu mir, um sich individuell zum Thema Berufsorientierung und duale Ausbildung im Handwerk beraten zu lassen. Bemerkenswert bei ihm war seine Entschlossenheit, Perspektiven zu erkunden. Er hat schnell begriffen, wie wichtig ein beruflicher Abschluss in Deutschland ist“, betont Kerri.

IHAFA-Projektleiter Wolfgang Jöhnk ergänzt: „Keine Frage: In der Breite gibt es Sprach- und Qualifikationsdefizite, aber es gibt eben auch die hohe Motivation und den Einsatz der Flüchtlings-Azubis. Und unsere Betriebe engagieren sich und tragen etwa durch Nachhilfe oder die Begleitung bei Behördengängen dazu bei, Hürden zu überwinden.“ Bei Rayan Bybo sieht Jöhnk noch einen weiteren Vorteil: „Er spielt Fußball beim VfR Wardenburg. Sport ist eine sehr gute Hilfe, um Fuß zu fassen.“